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Gartenbauschule (Themenfoto)
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125 Jahre Gartenbau in Ahlem

Von der Israelitischen Gartenbauschule bis zur Justus-von-Liebig-Schule der Region Hannover

Die Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem, gegründet von dem hannoverschen Bankier Moritz Simon, wurde am 2. Juni 1893 eröffnet. Ab 1919 war sie unter dem Namen Israelitische Gartenbauschule Ahlem bekannt. Das Ziel dieser Einrichtung war es, jüdische Jugendliche in Gartenbau und weiteren praktischen Berufen (unter anderem Schuhmacher und Schneider, ab 1903 Mädchen in Hauswirtschaft) auszubilden. Angegliedert war eine Volksschule für Mädchen und Jungen, auch diese war bereits auf praktische Arbeit durch Schulgärten und Werkunterricht („Handfertigkeitsunterricht“) ausgerichtet.

Die Gärtnerlehre umfasste drei Jahre praktische und theoretische Ausbildung in den Bereichen Gemüsebau, Baum- und Rosenschule sowie Topfpflanzen und Freilandkultur. Die Ausbildungsstätte erlangte in vier Jahrzehnten einen internationalen Ruf. 1942 wurde die Schule geschlossen. Die Nationalsozialisten verwandelten die Schule in eine Sammelstelle für Deportationen, ein Gefängnis und eine Hinrichtungsstätte. Heute dokumentiert die Gedenkstätte Ahlem diese wechselhafte Vergangenheit.

In direkter Nachbarschaft der Gedenkstätte ist seit 1989 die Justus-von-Liebig-Schule der Region Hannover untergebracht. Die Berufsschule bietet Ausbildungsgänge und Weiterbildungsmöglichkeiten in der Floristik, im Gartenbau und in der Landwirtschaft an. Hervorzuheben ist die Meisterschule Gartenbau (einjährige Fachschule Gartenbau) und die weiterführende zweijährige Fachschule Gartenbau (Betriebswirte). Diese Angebote
sind weit über die Landesgrenzen bekannt. Gleiches gilt für die Floristmeisterschule.

Aus der Dauerausstellung der Gedenkstätte Ahlem:

„Der Bankier und Hobbygärtner Moritz Simon (1837-1905) gründete im Jahre 1893 die Gartenbauschule unter dem Namen Israelitische Erziehungs-Anstalt. Damit wollte er auch ein Zeichen gegen antijüdische Stimmungen setzen. Er stiftete nicht nur das Grundstück und die Gebäude, sondern prägte auch die Konzeption der Einrichtung, die einem Internat glich. […] Simons Idee war es, schon Kinder an eine Ausbildung zum Gärtner oder Handwerker heranzuführen. Deshalb gliederte er eine Volksschule an, in der Werkunterricht, Sport und der Garten eine wichtige Rolle spielten. Von 1903 bis 1921 (und wieder nach 1936) bildete die Schule Mädchen in Hauswirtschaft aus. Besonders in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg kamen viele Schülerinnen, Schüler und Lehrlinge aus Osteuropa. Umgekehrt suchten viele der Absolventen eine Tätigkeit in der Ferne, vor allem in Nord- und Südamerika sowie Palästina.“

Aus der Schulchronik der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem:

Das Jahr 1913

Die letzten Angaben vor dem Ersten Weltkrieg sind für August 1913 überliefert: Bis dahin waren in Ahlem 229 Lehrlinge ausgebildet worden, 214 Gärtner, sechs Schuhmacher, fünf Bäcker, drei Tischler und ein Tapezierer. Von den 214 ausgebildeten Gärtnern waren 148 im Jahr 1913 noch als Gärtner tätig, 29 hatten andere Berufe ergriffen. Von den 148 Gärtnern waren 81 in Deutschland tätig, 37 in Nord- und Südamerika, elf in Österreich, acht in Palästina, fünf in Russland, drei in der Schweiz, je einer in Holland, England und als Farmverwalter in Deutsch-Neu Guinea. Detaillierte Angaben enthält die Chronik von 1913 über die zu Ostern dieses Jahres entlassenen 18 Lehrlinge, 16 Gärtner, einen Schuhmacher und einen Bäcker. Von den 16 Gärtnern hatten elf inzwischen Anstellung in den „besten Gärtnereien Deutschlands“ gefunden, zwei in der Schweiz, je einer in den USA, Brasilien und Palästina.

Das Jahr 1933

Nach einer Übersicht von 1933 hatten bis Ende 1932 in Ahlem 410 Gärtnerlehrlinge ihre Abschlussprüfung bestanden. Von ihnen hatten 45 ihren Beruf gewechselt, 48 waren gefallen oder gestorben, zwei waren berufsunfähig; von 72 gab es keine Nachricht. Von den verbliebenen 243 Gärtnern waren 112 in Deutschland tätig, 69 in Nord- und Südamerika, 36 in Palästina, neun in Polen, drei in Russland, je zwei in Holland und Rumänien und je einer in Österreich, England, Belgien, Türkei, Südafrika, Neu-Guinea, Luxemburg, Jugoslawien, Ungarn und Norwegen. Verglichen mit der Bilanz von 1913 hatte sich der Anteil der in Deutschland verbliebenen Absolventen um fast zehn Prozent verringert und lag nun deutlich unter der Hälfte, während der Anteil Amerikas um über drei Prozent gestiegen war. Die stärkste Veränderung erfuhr jedoch der Anteil Palästinas, der sich fast verdreifacht hatte. Dieser Trend zur Auswanderung nach Palästina sollte sich 1933 schlagartig verstärken.

Ehemalige Ahlemer in aller Welt

Der 1903 gegründete „Verein ehemaliger Ahlemer“ wurde schon zu Lehrzeiten in Ahlem aktiv. Der Verein spielte durch die Jahrzehnte für die in Ahlem Ausgebildeten eine wichtige Rolle, vor allem in Palästina/Israel und den USA.

Salomon Weinberg

Salomon Weinberg (Shlomo Weinberg-Oren) (1889-1955), geboren in Tulcea (Rumänien), absolvierte von 1906 bis 1909 seine Ausbildung in Ahlem. Nach bestandener Prüfung arbeitete er in einigen Gärtnereien, 1912 wechselte Weinberg in die Höhere Gartenbauschule Dresden-Pillnitz. Als verwundeter Kriegsfreiwilliger kam er in das Reservelazarett, das im Mädchenhaus der Gartenbauschule eingerichtet worden war. Nach Kriegsende übernahm Salomon Weinberg eine leitende Funktion auf dem Hachschara-Hof Messingwerk bei Eberswalde. Er legte seine Abschlussprüfung in Dresden-Pillnitz ab und wanderte 1925 mit seiner Frau Elisheva, geborene Yaacov nach Palästina aus.

In den folgenden drei Jahrzehnten wirkt Salomon Weinberg als Lehrer, Gartenarchitekt, Planer von Kibbuz-Gärten und öffentlichen Parks, Publizist und Mitbegründer von Fachverbänden. Seine Arbeit bildete eine wichtige Grundlage für die Landschaftsarchitektur in Palästina und Israel. Weinbergs Enkel Iftach Shachar ist anlässlich der Fachtagung zum 125. Jubiläum der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem zu Gast.

SCN/ap

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